Tag 4
"Sie sind aber dick, ..."

"... essen sie so viel, oder warum sind sie so dick?" Schock! Herzklopfen! Sprachlosigkeit!

Wie kam denn dieser plötzliche Themenwechsel jetzt zu Stande? Gerade noch hatte ich mich mit dem fahrradfahrendem Rentner über Fußball und die Fähigkeiten von Mesut Özil unterhalten und dann das. Aber ehrlich gesagt waren Hans', wie er sich später vorstellte, Kommentare von Anfang an sehr spitz gewesen und das jetzt eben einfach nur das berühmte "Sahnehäubchen" des Ganzen. Unsere Begegnung ereignete sich wie folgt:

Ich sitze tief versunken über meinem Reise-Tagebuch und warte auf die bessere Hälfte, die unser Frühstück im Supermarkt besorgt, als ein Fahrradfahrer an unseren Rädern vorbeikommt und sehr laut tönt: "Na, Sie sind aber beladen! Sind Sie auf dem Weg nach Afrika, oder wie?" Wie aus der Pistole geschossen, antworte ich: "Ne, aber nach Spanien!"

Leicht verschreckt, von meiner schnellen und klaren Antwort, hält er immerhin 3 Sekunden inne. Hinterher wird mir noch einmal bewusst, wie blöd schon dieser erste Kommentar gewesen ist. Inzwischen holt Hans aber schon zum zweiten Schlag aus und poltert: "Sind Sie arbeitslos, oder wieso können Sie so lange unterwegs sein?" Ich sagte ja bereits blöd, aber langsam wandelt sich diese Unterhaltung zu ABSOLUT MEGA BLÖD! Weil ich aber an diesem Morgen eine unbändige gute Laune habe, lasse ich mich davon nicht beirren und ströme weiterhin aus jeder Pore das Wort "Glück" aus. Bis Hans dann zum völligen Knockout ansetzt (siehe oben). Wow, dass nenne ich mal 100 Punkte in Sachen Gesprächsführung!

Ich stammle noch irgendetwas von wegen jeder sieht halt anders aus und wie langweilig es doch wäre, wenn wir alle gleich aussehen würden, da schwirrt er auch schon seelenruhig zum Einkaufen ab. Ich bin nicht mehr ganz so in meiner Mitte, wie vorher, sondern gleiche einem Schleudergang im Wasser. Ich sehe keinen Boden mehr unter den Füßen und weiß nicht, wie ich mein inneres aufgewühltes Meer wieder beruhigen kann. Da kommt die bessere Hälfte genau richtig: ich werde augenblicklich ruhiger. Ich erzähle ihm sofort, was hier eben abgelaufen ist und er fragt immer wieder ungläubig nach, ob er das wirklich so gesagt hat. Er kann es auch nicht glauben. Zusammen mit meinem Gefährten habe ich schnell eine gute Retourkutsche, bzw. gepfefferte Antwort formuliert und schon bald gesellt sich der Alte zu uns, als wäre nichts gewesen.

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Aber er lässt keine spitze Bemerkung mehr ab und irgendwie ist der Moment von vorhin verflogen. Ich finde keine geeignete Stelle mehr meinen Text loszuwerden. So fahren wir von dannen ohne das Problem geklärt zu haben und ich kann euch sagen: Das war ein Fehler! Der ganze Scheiß bleibt an mir hängen. Ich wüte, trauere, verzweifle und das Ganze richtet sich jetzt gegen mich. Aber kennt ihr das, wenn ihr eine Unterhaltung führt, oder aus einer Begegnung nicht aussteigt, obwohl sie sinnlos und energieraubend ist? Es ist mir im Nachhinein echt ein Rätsel, warum ich nicht schon früher den Schlussstrich unter diese Unterhaltung gezogen habe. So muss sich jetzt meine bessere Hälfte nochmal notgedrungen der ganzen Thematik widmen. Er ist die Nachbesprechung, wie er es immer nennt, ja aber aus langjähriger Erfahrung  mit mir gewohnt und bleibt wie immer sachlich und logisch. So entspinnt sich zwischen uns ein wirklich inspirierendes Gespräch. Ich äußere, dass ich, wenn mir jemand, der z.B. einen kaputten Fuß hat, erzählt, dass er den Jakobsweg laufen will, antworten würde: "Was für eine tolle und mutige Idee!" 2 Minuten nach diesen tiefschürfenden Gedanken, ob ihr es mir glaubt oder nicht, kommt uns eine Frau entgegen, die ihren linken Fuß nach sich zieht. Wow, was für ein Zeichen!

Ich philosophiere weiter, dass wir halt anders aussehen und keine 08/15-Fahrradfahrer sind. Wir tragen keine bekannte Funktions-Markenware, sondern eher buntes und zusammengewürfeltes Zeug - also einfach das was sich für uns gut anfühlt. Wir sind gestreift, gepunktet, moppelig, schrill und neonfarben. Oder wie wir uns lachend selbst nennen die "bunte Karawane" und tragen unser Hab und Gut sichtbar am Fahrrad baumelnd. Aber es wäre doch auch langweilig, wenn alle Fahrradfahrer in bekannter Markenware seriös durch die Gegend fahren würden. Dann würden doch auch wieder alle Fahrradfahrer gleich aussehen - wie langweilig!

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Während ich das mit meiner besseren Hälfte so lauthals resümiere, überholen uns 2 Radfahrer. Sie tragen schwarze Funktionsklamotten, haben trainierte Körper, wohlgeformte Fahrradtaschen, die sich nicht ausbeulen in alle Richtungen und sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Das gibt es doch nicht, was mir das Universum heute alles schickt. Okay, ich muss aufpassen worüber ich als nächstes laut nachdenke ... wenn ich jetzt anfange von fliegenden Elefanten zu sprechen ... nein lassen wir das! :-)

Ein bisschen mehr versöhnt mit mir und meiner Umwelt treten wir nun wieder mit neuem Elan in die Pedale. Inzwischen denke ich sogar halb milde gestimmt, dass der Rentner vielleicht nur das rausgehauen hat, was einige denken, sich aber nicht trauen zu sagen. Dafür glotzen uns/mir unglaublich viele mit offener Kinnlade hinterher. Wir Menschen neigen ja dazu, Dinge in Kategorien einteilen zu wollen und ich passe nicht in das klassische Bild. Ich bin kein zweiter Lance Armstrong (will ich auch, by the way gesagt, gar nicht sein ... wenn schon denn schon eher ein zweiter LOUIS Armstrong). Ich bin auch kein "Typ Windhund", so wie die meisten (Langstrecken-)Fahrradfahrer. Ich bin eher so der "Typ kleiner gedrungene Mops". Aber soll ich euch was sagen? Auch der Mops kann in die Pedale treten! Und das ist das geniale: Ich kann mich aufs Fahrrad setzen und es einfach ausprobieren. Und soll ich euch noch was sagen? Es geht! Es geht alles!!!

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