Tag 5
Von Hermannsburg in die Provence

Angekommen in Hermannsburg, wähnen wir uns mal wieder im Himmel. Bei der begehbaren Riesen-Dusche hier auch kein Wunder! Und sowieso endlich angekommen bei unseren lieben Freunden. Nach einem harten Fahrradtag ist das ein wunderschönes Gefühl - fast wie zu Hause sein. Oh Mann, dass war auch gestern Nachmittag noch eine anstrengendes Stück hierher. Ein kleiner Rückblick von der gestrigen To(rt)ur:

 

Nachdem mich der Rentner gedisst hat und ich mich mit Hilfe meines Gefährten wieder ein bisschen geerdet habe, schickt uns unsere Fahrrad-App in der brütenden Mittagshitze auf einen abenteuerlichen Waldweg. Leider befindet sich dieser nicht im Schatten (heul!) und ist auch noch staubig und die reinste "Rüttelpartie", weil alles voller Steinen ist. 11 km sollen wir hier längs fahren. Und wir fahren und fahren und fahren, aber die Kilometeranzeige sinkt nur im Schneckentempo. Ich werde davon irgendwann so wütend, weil ich einfach nur raus will aus dieser staubigen Wüste. Ich trete also in die Pedale, wie eine Verrückte. So sehr, dass mein Gefährte mich nicht mehr einholen kann. Das einzige was er von mir noch sieht, ist eine laut fluchende Staubwolke. Ich bekomme davon gar nichts mit, weil mir inzwischen von der Hitze schon kotzübel ist und die Hände zittern. Ich scheine also zu all dem Wahnsinn hier auch noch in den Unterzucker zu geraten. Deswegen gibt es auch nur noch die "Flucht nach vorn" und den Wunsch endlich das berühmte Licht am Ende des Tunnels zu sehen. (In diesem Fall eine geteerte Querstraße, auf der es dann wirklich nicht mehr viele Kilometer sind.) Auf einmal schreit es in diesem Wirrwarr von hinten laut: "STOOOOPPPPP!!!". Widerwillig bremse ich und komme nach ca. 20 Metern Bremsweg  zum Stillstand. Mein Gefährte schwenkt einen meiner heißgeliebten pinkfarbenen Turnschuhe hin und her. Ich habe in diesem "Gerüttel und Gerase" gar nicht gemerkt, dass der sich aus meinen Frontgepäckträger mit den dazugehörigen Spanngurten gelöst hat. Oh Mann, das wäre es noch gewesen: Wenn ich einen meiner Turnschuhe in dieser verdammten Wüste verloren hätte! Keine 10 Pferde hätten mich dahin zurückgebracht - auch keine 20 :-)

 

Mein Gefährte macht sich jetzt ernsthafte Sorgen um mich, weil ich anscheinend einen leicht wahnsinnigen Eindruck mache. Er sucht per Handy den nächsten Supermarkt, weil ich zusätzlich zu meinem wahnsinnigen Blick auch noch recht bleich bin. Mit letzten Reserven rette ich mich vor den Eingang eines Nettos und sacke dort auf einer Bank zusammen. Die bessere Hälfte holt mir aufgrund der äußersten Notlage ausnahmsweise eine vor Zucker triefende Cola und ein Magnum-Eis. Vor allem Cola trinke ich eigentlich nicht, aber ich kann Euch sagen, an diesem Tag schmeckt das Gesöff wie die reinste Medizin. Und danach noch das Eis. Hmmmhhhh. Meine Hände hören auf zu zittern, ich kriege wieder Farbe ins Gesicht und plappere in gewohnter Manier die bessere Hälfte dicht. Das hat ihn in äußerste Alarmbereitschaft gebracht, wie er mir später erzählt: Ich war auf einmal still! Ja, er hat Recht, diesen Zustand gibt es nicht so oft bei mir. Aufhydriert und strotzend voller vieler neuer Kalorien gibt es jetzt dank Cola und Magnum-Eis ein Comeback: Ich grinse und rede wie ein Wasserfall und kann mir sogar vorstellen mich wieder aufs Fahrrad zu schwingen. Wow! Was für ein Comeback!

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Über feinste Wege, durch wunderschöne Wälder, geht es im Schatten hauptsächlich bergab. Halleluja! Glücklicher könnten wir nicht sein und so klingeln wir laut johlend die letzten Kilometer ununterbrochen bei unserer Abfahrt.

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Ja, und weil es uns dann in Hermannsburg so gut gefällt, überlegen wir nicht lange und verlängern um eine weitere Nacht. Die Natur, die Ruhe, der Schatten, die Gespräche und das Lachen mit unseren Freunden, alles dort tut uns so gut und wir legen einen richtigen Erholungstag ein, an dem wir hauptsächlich schlafen und essen ... und essen und schlafen ... und wieder von vorne.

Und was wir essen ist nicht von dieser Welt, denn meine Freundin ist nicht nur eine begnadete Köchin, sondern auch eine verdammt gute Gastgeberin. So sitzen wir am wunderschön gedeckten Tisch mit Wildschein-Bratwurst-Omelett (wow!), gebackenem Schafskäse, grünen Linsen, selbstgezogenen Möhrchen, gerösteten Auberginenscheiben, leckerem Brot und vielen weiteren Schälchen mit 1.000 Köstlichkeiten. Dazu gibt es selbstgemachte alkoholfreie Sangria. Die bessere Hälfte und ich, fragen uns währenddessen immer wieder mit vollen Backen: "Oh mein Gott! Hast du das probiert? Und das hier?", wie uns unsere Freunde später lachend erzählen. Während dieser Szenerie fragen sie sich ernsthaft wann wir das letzte Mal etwas gegessen haben. So lange ist das eigentlich nicht her. Aber es ist seit 3 Tagen tatsächlich die erste warme Mahlzeit. Und vor allem die erste Mahlzeit, die soooooo köstlich schmeckt. Dementsprechend hauen wir rein, wie 2 Wildschweine auf Trüffeljagd - immer mit der Angst im Nacken, ob wir je wieder so etwas köstliches essen werden.

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Wir lachen viel und erzählen uns gegenseitig unsere Reiseabenteuer. Unser Kumpel erzählt von seinen vielen Reisen nach Frankreich. Er sagt, das einzige was ihm bis jetzt fehlt, ist das er nicht in der Provence war. Mit blitzenden Augen guckt er uns an und sagt, dass müssen wir jetzt für ihn machen. Und wenn wir dann da sind sollen wir ihm einen Topf voller Lavendel mitbringen. Ich schließe meine Augen, habe noch den Geschmack von unserem gigantischen Essen und dem Getränk auf meiner Zunge, rieche den intensiven Duft des Lavendels in meiner Nase und sehe, wie ich die langen lilafarbenen Felder mit meinem Fahrrad entlangfahre. Ich breite meine Arme aus und spüre den Fahrtwind, den betörenden Duft und die Freiheit. Ja hier und heute bin ich in der Provence. Ich kann mir hier und heute auch vorstellen, dass wir da landen ... irgendwann. Je nachdem, wo uns diese abgefahrene Reise noch hinschicken wird. Wir werden es sehen. Hier in Hermannsburg war ich auf jeden Fall schon einmal in der Provence - mal eben so.