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Tag 9

22.Juli'15  (Burguete - Linzoain, 11,6 km; und  2 km zurück nach Viscarret)

 

Morgens breche ich zwar noch etwas wackelig und unsicher auf, bin aber voller Vorfreude und Lust auf das Laufen. Ich will weiter - zumindest will ich es versuchen.

Um 10.30 Uhr laufe ich los (habe es doch nochmal genossen in der Pension auszuschlafen, undenkbar so etwas, im nahe gelegenen Kloster in Roncesvalles), aber leider stellen sich nach kurzer Zeit wieder die Knieschmerzen ein. Ich kann diese Schmerzen gar nicht einschätzen, weil ich so etwas noch nie hatte. Man bewegt sich mit diesen Gebrechlichkeiten als Pilger auf ganz dünnem Eis: Einerseits möchte man nicht in den (verdammten) Bus steigen und andererseits aber auch keinen völligen Abbruch des Camino riskieren. Also eiere ich ein bisschen verloren durch die Straßen von Burguete und will nach ein paar Metern bereits ein Café ansteuern, was mit einladenden Schildern lockt. Doch kurz davor komme ich an einer sehr alten Frau vorbei, die vor ihrem Haus steht und mit Handzeichen und Worten deutlich macht, dass der Camino jetzt hier rechts abgeht (und nicht geradeaus weiterführt, vorbei an dem netten Café).

So ein Mist! Ich traue mich nicht vor dieser enthusiastischen, netten und selber ein wenig gebrechlichen Frau zuzugeben, dass ich gerade den Camino links liegen lassen und mich schon wieder in einem Café »erholen« wollte.

Sie muss wohl meinen Kampf und meine Unsicherheit gespürt haben (Café, Camino? Camino, Café?) und strahlt mich zahnlos an, während sie mir mit aller Deutlichkeit klarmacht, dass ich jetzt rechts abbiegen muss.

Zähneknirschend biege ich ein, winke der netten Dame (sie guckt mir leider auch noch lange hinterher, als wenn sie überprüfen will, dass ich nicht umdrehe) und verabschiede mich innerlich davon, meine Füße hochzulegen und dabei genüsslich in ein Croissants zu beißen.

Okay, alles klar! Ich habe verstanden. Es soll also weitergehen. Wie süß das die Omi sich mit ihrem Plastikstuhl dort positioniert hat, um den leicht verwirrten Pilgern (so wie ich es heute bin) zu helfen. Das ist der Camino. Da gibt es solche Geschichten. Unglaublich!

 

Kurze Zeit später bin ich der Dame dann wirklich von Herzen dankbar, denn diese Camino-Strecke ist wunderschön. Ich gehe über einen Steg, vorbei an einem süßen Bächlein und Pferden und Bauern und Heu und ... - ach es ist einfach herrlich!

Ich muss immer wieder über Steine springen und der Weg ist unglaublich aufregend und abwechslungsreich. Bald habe ich darüber meine Knieschmerzen vergessen. Es ist lustig und motivierend, weil ich auf dem Weg immer wieder auf Steinen und Zäunen Markierungen mit einem Edding lese, auf denen steht: »Alex and Ema were here, 20.Juli´15.« - Alex und Ema waren hier, 20. Juli'15.

Es ist total schön, weil ich mich dadurch nicht so alleine fühle und weiß, dass mein Schlafsack vor mir weilt. Und wenn das mein Schlafsack schafft, dann schaffe ich das doch auch?! Chacka!

Und so laufe ich in langsamen Tempo mit ganz vielen Pausen gemächlich durch diese wundervolle Natur. Auf einmal durchströmt mich eine tiefe Dankbarkeit und Glückseligkeit, dass ich nicht den Bus nach Pamplona genommen habe (nach meiner ersten Nacht in Burguete, stand auch das zur Debatte).

Sogar das Wetter macht mit, denn es ist bedeckt und die Hitze dadurch einigermaßen erträglich. Den Weg bestreite ich größtenteils alleine, nur am Anfang treffe ich ein paar Pilger. Aber im Moment ist es mir eh ganz recht, wenn ich alleine laufe. So kann ich in meinem eigenen Tempo ungeniert schnaufend, schwitzend, und teilweise auch singend, vor mich hinwandern.

Ich kann mir in diesem Moment gar nicht vorstellen, dass ich es irgendwann mal genießen werde mit jemand anderes zusammen zu laufen …

Viel zu sehr genieße ich es mein eigenes Tempo zu finden, mir die Zeit zu nehmen, die ich brauche, Pausen zu machen wann immer ich will und auf meinen Körper zu hören.

Während ich mich zu Hause doch immer weiter trimme bis an mein Maximum, mache ich hier am laufenden Band sogenannte »Steh-Pausen«. Vor allen bei den Anstiegen, sagt mein Kopf, so wie er es von zu Hause gewöhnt ist: »Ach komm, bis zu dem alten Baum da noch und dann eine Pause«, aber mein Körper stoppt einfach schon vorher. Und ich genieße das. Ich genieße es schwach sein zu dürfen, nicht mehr zu können und den Weg in meinem Tempo zu bestreiten.

Ich merke immer nur das ich aus dem Tritt komme, wenn andere Pilger vor- oder hinter mir auftauchen. Dann kommt wieder dieser »Das-Moppelchen-will-beweisen-dass-es-alles-kann-was-die-Dünnies-auch-können«-Gedanke durch und ich versuche auf Krampf das Schnaufen zu unterdrücken, beziehungsweise es wenigstens leiser zu gestalten - mit dem Ergebnis, dass ich irgendwann kurz vor dem Hyperventilieren stehe und damit kämpfe mich nicht noch zusätzlich zu übergeben.

Ein besonders guten Eindruck also, den ich da abgebe!

Gleichzeitig wird mir dadurch auch klar, dass ich eigentlich gut bei mir bleiben kann jedoch, sobald andere auftauchen, mehr bei denen und ihren vermeintlichen Gefühlen und Gedanken bin, anstatt mir treu zu bleiben.

 

Ich frage mich, wie oft mir das in Hamburg passiert, da ich ja in Hamburg eigentlich permanent jemanden vor- oder hinter mir habe, und wie sehr ich dadurch tagtäglich fremdbestimmt über meine Grenzen gehe?

Während ich über solche und andere Dinge sinniere, merke ich irgendwann, dass ich nicht mehr kann und nicht nur das sondern auch, dass es auf einmal schon 17.00 Uhr ist (in der Pilger-Welt fast schon Schlafenszeit). Auf der Suche nach einer albergue lande ich wenig später in einem Dörfchen, indem es laut Pilger-Führer zwar keine Herberge gibt, dafür aber zwei casa rurale. Kurze Zeit später erreiche ich entkräftet und glücklich ein solches und bimmle kräftig an der Tür. Niemand macht auf. Und sowieso wirkt dieses Dorf wie ausgestorben. Ich irre umher auf der Suche nach einer Menschenseele, die ich nach einem Schlafplatz fragen kann. In einer verlassenen Bar treffe ich auf ein jugendliches Pärchen. Ich frage, ob sie wüssten warum keiner im casa rurale aufmache. Sie erklären mir, dass dort irgendein Umbau stattfindet und es diese Saison daher gar nicht aufhat. Sie zeigen aber in die Richtung eines gigantischen Aufstiegs (schon wieder ein Berg) und sagen dort wäre das andere casa rurale. Jammernd, fluchend und mich bedauernd, mache ich mich also auf, bimmle erneut an der Tür und freue mich, denn diese Tür wird geöffnet. Ein netter Mann erklärt mir dann allerdings, dass er bedauerlicherweise schon komplett ausgebucht sei. Ich kann es nicht fassen! Nun muss ich mich erst mal auf die Mauer gegenüber setzen und nuckle aus Verzweiflung, verstört an meiner Wasserflasche.(»Mama, hilf mir«, will das vielleicht heißen?)

 

Was mache ich denn jetzt? Der Mann sagte mir noch, dass der nächste Ort 8,2 Kilometer entfernt ist und dass es dort »mucho albergues« (viele Herbergen) gibt. Nicht nur, dass mir zu diesem Zeitpunkt die 8,2 Kilometer, wie der New Yorker Marathon vorkommen, es geht auch noch knallhart bergauf und allein beim Hochschauen wird mir schon schwindelig. Ich sitze nach wie vor gegenüber von dem casa rurale und bin zum ersten Mal auf dieser Reise verzweifelt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll und je länger ich nachdenke, desto später wird es - und desto weniger Zeit habe ich, um noch irgendetwas zu tun. Eigentlich will ich mich auch einfach nur hinlegen und ausruhen. Mein Blick schweift hin und her und ich entdecke die Kirche, ziemlich dicht neben dem casa rurale. Sie hat ein riesiges Vordach mit einem Garten und einer Umzäunung. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und klingel ein weiteres Mal bei dem Mann aus dem casa rurale. Ich frage ihn, ob es möglich wäre, dass ich dort vor der Kirche unter dem Dach schlafe? (Schließlich habe ich ja noch meine tolle selbstaufblasbare Isomatte, die ich bisher noch gar nicht benutzt habe.) Zu meinem Erstaunen strahlt er mich an und sagt: »Ja klar, ist das möglich!«

 

Ich kann mein Glück nicht fassen. Der Garten der Kirche ist traumhaft und liegt auf einem Berg, von dem ich eine Wahnsinns-Aussicht. Umständlich versuche ich mich mit Hilfe meines Schlafsacks umzuziehen, blase die Isomatte auf und lege mich erschöpft hin.

Ich genieße die Aussicht und die frische Luft und freue mich darüber doch noch eine Lösung gefunden zu haben. Als die Dämmerung beginnt, dämmert MIR langsam aber sicher, dass es hier oben ganz schön einsam sein wird und ich mit Einbruch der Dunkelheit, nicht mehr so relaxt sein werde. Streunende Katzen und Hunde kommen von allen Seiten und bei jedem Auto das vorbeikommt, gehe ich in Deckung, weil ich Angst habe, dass es sich im Dorf herum spricht, dass hier oben eine Pilgerin alleine nächtigt. Mir wird ziemlich bald klar, dass ich trotz dieses romantischen Plätzchens, in dieser Nacht kein Auge zubekommen werde und mir das ganze Unterfangen hier eigentlich zu heikel ist. Widerwillig begebe ich mich in meinen helllila Ganzkörper-Poncho, denn zu allem Überfluss, hat es auch noch angefangen zu regnen und stapfe erschöpft noch einmal runter zu dem anderen casa rurale. Ich läute erneut kräftig, aber es tut sich nichts. Das war ja auch vorherzusehen, aber in meiner Not, die jetzt immer größer wird, will ich nichts unversucht lassen. So bleibt mir nichts anderes übrig als noch einmal zu der Kirche hochzukraxeln und es erneut zu versuchen - mit dem Schlafen. Aber es geht nicht, das merke ich ziemlich schnell. Alle paar Sekunden reiße ich die Augen auf und rechne damit in die Augen einer Katze oder eines wild gewordenen Hundes zu blicken, denn die heulen jetzt durch das ganze Dorf. Okay. Ich bin ein Angsthase und das wird hier nichts mit mir. Ich packe meine Sachen zusammen, verabschiede mich von meinem Indiana Jones-Abenteuer und mache mich missmutig auf den Rückweg zu dem vorherigen Dorf (circa 2,6 Kilometer entfernt).

 

Der Gedanke zurückzulaufen fühlt sich ganz komisch und falsch an und so versuche ich ein letztes Mal, unten im Dorf-Kern, eine andere Straße nach weiteren casa rurales abzusuchen. Ich laufe an einigen Häusern vorbei und schaue dabei sehr aufmerksam in die Häuser rein, die teilweise schon beleuchtet sind (Inzwischen ist es schon 21.00 Uhr.) Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass irgendeiner hier noch ein Zimmer vermietet. Beim letzten Haus angekommen, verweile ich entmutigt, weil ich nirgendwo ein Schild mit dem Hinweis auf Zimmervermietung entdeckt habe. Verloren stehe ich in meinem helllila Ganzkörper-Poncho da und blicke ratlos vor mich hin, als bei dem Haus auf einmal ein Fenster aufgeht und eine Frau herausguckt. Sie fragt mich, was ich hier mache und ob bei mir alles in Ordnung sei? In meiner Not verliere ich meine Spanisch-Kenntnisse und fühle mich so dämlich und verzweifelt, dass ich mich zusammenreißen muss, jetzt nicht in Tränen auszubrechen, während ich nur gebrochen irgendetwas stammeln kann. Die Frau versteht nicht so ganz, warum ich um 21.00 Uhr immer noch umherirre und keine Unterkunft habe (ich verstehe es ja selber nicht), aber sie begreift auch, dass das als Frau auch nicht ganz so ohne ist, hier so allein auf der Straße. Auf einmal sagt sie ich solle kurz warten, sie müsse mal telefonieren. Ich sage dass das kein Problem ist und schäme mich gleichzeitig ein bisschen, hier in meinem Aufzug (mitten in der Nacht wandle ich als helllila Gespenst durch die Gegend), so verwirrt rumzustehen.

 

Kurze Zeit später sagt sie, dass ihre Freundin eine Pension in Viscarret (das Dorf, was ich sowieso ansteuern wollte) hat und sie gleich zurückrufen wird, um zu sagen, ob es da noch ein freies Zimmer gibt. Das Telefon klingelt und die Freundin gibt der Frau durch, dass ich dort übernachten kann. Ich bin erleichtert, weil ich ja gar nicht sicher war, ob ich in dem anderen Dorf einen Schlafplatz gefunden hätte. Ich bedanke mich herzlich bei der Frau und will mich schon auf den Weg machen, da steht sie auf einmal vor mir - im Schlafanzug. Sie zieht sich schnell eine Jacke über und springt in ihr Auto. Sie macht mir deutlich, dass auch ich reinspringen soll. Ihre kleine Tochter, etwa neun Jahre alt, hüpft kurzer Hand auch noch auf die Rückbank und Sekunden später sitzen wir im Auto (eine Neunjährige, eine Frau im Schlafanzug und das Moppelchen im helllila Ganzkörper-Poncho - ein Bild für die Götter!) und fliegen über die Landstraße. Die Frau hat einen sehr temperamentvollen Fahrstil, oder kommt mir das nur so vor, weil ich die letzten Tage in meinem Lauf-(Schnecken-)Tempo unterwegs war? Die Tochter starrt mich die ganze Fahrt über an. Hätte ich wahrscheinlich auch gemacht. Wer sieht schon ein helllila Gespenst, das sich mitten in der Nacht in ein kleines Dorf (ihr Dorf) verirrt hat? Ich glaube sogar, dass ich die ganze Fahrt über meine Kapuze vom Poncho aufbehalten habe, weil ich mit dem Rucksack eingeklemmt auf der Rückbank, völlig unbeweglich war. Oh Mann, erbärmlicher geht es auch nicht mehr. Zumal ich noch dazu die ganze Fahrt über die Autotür nicht richtig zubekommen habe und ein kleines Stück meines helllila Ganzkörper-Ponchos durch die Nacht flatterte. Ich schätze die Frau hielt mich auch dafür zu doof und schwieg einfach peinlich betreten darüber. Drei Minuten später stehe ich in dem Dorf, in dem ich mittags gegen 16.00 Uhr noch hochmütig durchgelaufen bin und gedacht habe: »Ja klar, habe ich noch Power! Na klar, laufe ich noch weiter!«

 

Tja schade, so schnell sieht man sich dann doch wieder.

Ich schlafe im schlechtesten und teuersten Hotel meiner Reise und werde von den anderen Gästen, wie der letzte Vollidiot beäugt, da ich jetzt noch, um diese Zeit einchecke. Ich setze mein absolutes Pokerface auf und verschwinde einfach sang- und klanglos in mein Zimmer. Am nächsten Morgen beim Frühstück, bin ich leider immer noch das Gesprächsthema Nummer eins und werde nun nochmal richtig ausgefragt, wie ich denn bis 21.30 Uhr durchwandern konnte.

Zähneknirschend gebe ich ein paar einsilbige Infos und ärgere mich ein wenig über die männlichen Hightech-Pilger, die mich in ihrer perfekten Outdoor-Kluft ausfragen und sich dabei überaus schlau vorkommen. Da helfen erneut die Scheuklappen.

 

Meiner Fahrerin bin ich hingegen nach wie vor zutiefst dankbar und habe ihr noch in der Nacht, in meinem gebrochenen spanisch, einen Brief verfasst, in dem ich mich nochmal herzlich für die gestrige Aktion bedankt habe.

 

Als ich am nächsten Morgen erneut durch ihr Dorf wandere, lege ich den Brief mitsamt zwei Steinen, die ich beim Pilgern gefunden habe, vor ihre Tür.

Auf das die Steine sie und ihre Tochter beschützen, so wie mich die Beiden in dieser schlaflosen Nacht beschützt haben.