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Prolog
Prolog- Total verloren!

Irgendwo im Nirgendwo, zwischen Ventosa und Azofra )

 

 

"Hello?! It's time to get up! Hello?! Do you hear me?"

Langsam drangen diese Informationen in mein vernebeltes und erledigtes Hirn.

Ich sollte also aufstehen, sagte diese Stimme. Und, dass es Zeit sei aufzustehen ...

Wieso wurde ich durch diese Stimme geweckt? Und nicht durch meinen nervig piepsenden Handy-Klingelton? Irgendwas musste passiert sein ...

 

Mit einem Ruck kam ich hoch und versuchte schnell zu erfassen, was hier los war.

Das Erste, was ich wahrnahm, waren die ruhigen freundlichen Augen der hospitalera, bei der ich gestern eingecheckt hatte. Das nächste, was ich wahrnahm, war die Stille und die Leere um mich herum. Alle Betten waren leer und niemand wuselte mehr durch das Zimmer. Was war passiert? Wo waren denn all meine Zimmer-Insassen von gestern hin? Es war doch noch mitten in der Nacht, ansonsten hätte doch mein Handy gebimmelt und mich geweckt!

"What's the time?", entrang es mir nun endlich (danke für diese logische Schlussfolgerung. Danke, wirklich!).

"It's already seven o' clock", antwortete die nette hospitalera, die ich aufgrund ihrer perfekten Ranger-Klamotten seit gestern in Miss Profi Trekking getauft hatte.

"Oh shit!", entfuhr es mir und "I am so sorry", folgte direkt hinterher. Miss Profi Trekking war eher ein wenig belustigt, als verärgert. Vielleicht, weil ich gestern beim Einchecken schon aufgefallen war. Nicht nur, dass ich als Letzte eincheckte (und das auch noch viel zu spät, wie sie mir verkündete), ich hatte eine knallrote Birne von der Mittagshitze und sie fluchte beim Tragen meines Rucksacks, dass dieser "way to heavy" wäre. Ja, und jetzt bot ich ihr zu allem Übel auch noch diesen erbärmlichen Anblick, eines völlig verpennten Pilgers. In Windeseile wickelte ich mich aus meinem Baumwollschlafsack, schoss an ihr vorbei ins Bad und stand tatsächlich 30 Minuten später, fertig angezogen und mit aufgeschnalltem Rucksack in der Eingangshalle. Wenn ich schon vor Miss Profi Trekking unterging, dann mit wehenden Fahnen.

Um 7.31 Uhr hatte mich nun also der Camino wieder. Jedoch nicht wie an den vorherigen Tagen, voller Glück und Vorfreude, sondern voller Ärger und Groll. Am meisten auf mich selbst. An zweiter Stelle auf mein Handy, das mitten in der Nacht wegen Akkuschwäche ausgegangen war. An dritter Stelle nochmal auf mich selbst. An vierter Stelle auf meine Röllchen, die mir diesen Weg noch schwerer machten. Und an fünfter Stelle auf den Camino an sich (der Arme, was konnte der denn jetzt eigentlich dafür?). Missmutig stapfte ich den Schotterweg entlang und schoss die kleinen Steinchen vor mir her. Ich steigerte mich so dermaßen in diese ganzen negativen Gedanken hinein, dass ich irgendwann anfing, laut zu fluchen: "Dieser Sch... Weg! Wie konnte ich nur auf diese lächerliche Idee kommen, dass ICH den schaffen sollte? Das ist doch der reinste Witz! Nein, noch viel schlimmer. ICH bin der reinste Witz! Ja, ich bin eine richtige Witzfigur! Aus mir wird NIEMALS ein vorbildlicher Pilger. Schon zweimal verschlafen, während alle anderen Pilger immer ohne jegliche Probleme um 6.00 Uhr aufbrechen - mindestens! So eine Scheiße! Ich werde das hier niemals schaffen! Ich bin ja allein zu blöd mir den Wecker richtigzustellen. Und dann denke ich noch, mit meinen 1.000 Kilos zu viel an Bord, dass ich diese Tortur hier durchstehe. Ja, klar!"

In diesem Moment war ich mir zu 101 % sicher, dass ich diesen Weg nie schaffen würde. Stattdessen war mir klar, dass ich schleunigst in einen Bus steigen sollte, der mich nach Santiago bringen würde, damit ich dann noch mit Ach und Krach zum Meer pilgern könnte. Zumindest hoffte ich, dass ich diese letzten Kilometer noch schaffen würde und mir die Liebe zum Meer und dem Kap Finisterre (das Ende der Welt) vielleicht noch irgendwie Kraft geben würde, für meine letzten Schritte als Pilgerin. Denn das mit dem Pilgern, das hatte sich mit diesem Tag nun auch erledigt. Keine zehn Pferde würden mich noch einmal zurück auf diese Schotterpiste bringen - auch keine 20 Pferde! Dafür hatte ich jetzt schon mehr als zwei Wochen lang viel zu viel gekämpft und war an diesem Tag nun wirklich am Ende.

Wie war ich nur auf diese Idee gekommen? Wie war dieser ganze Horror hier in der Hitze überhaupt losgegangen? Missmutig schmiss ich mich ins Gras, kramte meinen warmen Naturjoghurt und meine harten Nektarinen aus meinem Rucksack und versuchte mich bei diesem verkorksten Frühstück an meinen ersten Tag zu erinnern ...