Tag 5
Die heilsamen Gesänge der Frösche

von Guntersblum nach Speyer

Wir nutzen das Hotel bis zur letzten Minute. Obwohl der Wecker schon um 8.00 Uhr geklingelt hat, stehen wir erst um 10.30 Uhr wieder mit Sack und Pack in dem wunderschönen Innenhof. Wir haben einfach jeglichen Luxus, der uns in den letzten Tagen nicht zur Verfügung stand, genutzt. Einen Wasserkocher, der nicht, wie der Campingkocher erst nach 10 Minuten kochendes Wasser fabriziert, einen Ventilator, der eine angenehme Kühle bringt, ein eigenes Waschbecken, indem wir unsere Wäsche waschen konnten, ein Bett, was einfach so da steht, ohne das man irgendetwas aufpumpen, oder aufbauen muss und DAS WICHTIGSTE: Ein Versteck vor den Killermücken! Hier, so weit weg vom Rhein, anderen kleinen Flüssen und Wäldern, haben sie uns nicht gefunden. Hier konnten wir uns verstecken und in Ruhe unsere Mückenstiche zählen (63 sind's bei der besseren Hälfte, bei mir 55). Zum Glück sind keine neuen dazugekommen, weil unsere bisherigen bereits dick angeschwollen sind und jucken, wie die Pest. So eine Mückeninvasion habe ich nicht einmal in Asien erlebt. Die Dame aus dem Hotel erzählt uns, dass die Mücken normalerweise mit Eiweiß eingedämmt werden, damit sie sich nicht so sehr verbreiten. Dieses Jahr konnte die Aktion allerdings nicht durchgeführt werden, weil die Hubschrauber dafür kaputt waren. Na, haben wir ein Glück! Aber deswegen müssen wir ja auch dieses Hotel in vollen Zügen nutzen. Wie z.B. auch den Fernseher. Ja, ich gebe es zu. Ich habe auch ihn in vollen Zügen genossen. Ich brauchte einfach mal ein paar Stunden Sorglosigkeit. Da gab es abends interessante Reportagen und am Morgen dann zu meinem Unglück noch eine Kochsendung mit oberköstlichen Gerichten. Oh je, was würde ich jetzt dafür geben, ein lecker gebratenes Stück Lachs und zum Nachtisch einen Blaubeerpfannkuchen zu essen … hmmmhhh …. okay, lassen wir das!

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Raus hier! Flucht nach vorne! Ein letztes Mal benutze ich die wahnsinnig gut duftende Weinseife und schnuppere an dem Rotwein-Shampoo und dann kommt die harte Realität. Wir sind wieder auf dem Asphalt. Aber heute rollt es sich von Anfang an richtig gut. Vielleicht liegt es an den leicht kühler gewordenen Temperaturen, oder an dem nachgeholten Schlaf, oder einfach an dieser Oase, die das Hotel für uns bedeutet hat. Wir brechen einen Rekord und sind in sage und schreibe 2 Stunden und 18 Minuten 50 km gefahren. Ich glaube da war aber auch ein wenig Rückenwind im Spiel und eben wirklich der Asphalt (im Gegensatz zu den Schotterwegen, die wir in den letzten Tagen oft gefahren sind). Zur Mittagszeit gönnen wir uns daher einfach mal ein bisschen mehr, als nur ein paar Nüsschen, Knäckebrot und ein paar Früchte. Diesmal ist ein Salat mit Nudeln und ein üppig belegtes Sandwich. Wir reden davon, wie geil es wäre, jetzt noch 40 km runterzureißen. Dann wären wir schon in Karlsruhe. Das wäre ja was! Sabbernd träumen wir davon. Hoch motiviert geht es durch Ludwigshafen, aber die Stadt nervt uns nach kurzer Zeit gewaltig. Die Leute sehen so gestresst und unglücklich aus. Bloß schnell raus hier! In einem Supermarkt frage ich nach einer Toilette. Dort taucht wieder mein Blasenleiden auf. Oh, Mann, bitte nicht! Ich war gerade so im Flow und möchte weiter heizen. Aber klar, von einem Tag Ruhe, 2 Liter Brennnesseltee und den Medikamenten, kann ich kein absolutes Wunder erwarten. Dafür waren die Schmerzen gestern echt heftig und es ist eigentlich wirklich ein Wunder, dass ich bis hierhin gekommen bin. Zähneknirschend versuche ich der besseren Hälfte zu erklären, das es bei mir heute noch nicht so tippi toppi aussieht und ich es wohl nicht ganz bis nach Karlsruhe schaffen werde. Kaum habe ich es ihm gesagt, fällt er stark zurück. Er ist demotiviert und hat das Gefühl, dass wir es nicht bis nach Waldkirch/Freiburg schaffen.

Am Samstag sind wir dort zu einem Konzert eingeladen und wollen es bis dahin unbedingt schaffen anzukommen. Ja, und was soll ich euch sagen, es entspinnt sich ein furchtbarer Streit zwischen uns. Ich fühle mich unverstanden und nicht ernst genommen mit meinem Leiden und er ist einfach nur deprimiert, über die Situation ist. Es wird richtig heftig und es fallen Worte wie: “ Das ist die letzte Tour, die ich mit dir mache!” Und auch: “Ich bleibe jetzt hier sitzen und fahre dann alleine weiter.” Schlussendlich gibt es natürlich auch Tränen, während wir durch einen verlassenen Wald fahren. Danach kommt das große Schweigen. Irgendwann knickt die bessere Hälfte zum Glück ein und sagt, dass es Scheiße ist, wenn wir uns jetzt auch noch streiten. Dafür ist die Tour schon viel zu anstrengend. Es wird beidseitig die weiße Fahne geschwenkt, aber die Verletzung sitzt tief. Als wir zum Glück dann relativ bald den Campingplatz in Speyer gefunden haben, gehen wir uns ein bisschen aus dem Weg.

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Abends bin ich dann nach der Dusche und der wohl duftenden Körperpflege wieder so beglückt davon mitten in der Natur zu schlafen, dass ich den Streit fast vergessen habe. Ich blicke "aus meinem Fenster" und bin so geflasht von diesem Ausblick und dieser frischen Luft. Hach, es ist einfach herrlich!

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Und ich habe noch mehr Glück, denn abends kommt zu meinem Nature-Flash, noch ein astreines Froschkonzert dazu. So etwas habe ich in der Hülle und Fülle noch nicht erlebt. Ich liege da und kann vor lauter Tönen und "Froschglück" nicht einschlafen. Ich möchte keinen Ton von diesem gigantischen Konzert verpassen. Vielleicht sind diese Sänger auch der Grund dafür, dass wir nicht wieder zerstochen werden, oder das neu erstandene “Anti-Brumm” ist der Grund? Gut ist es in jedem Fall, weil unsere Stiche eine Dimension und einen Juckreiz erklommen haben, den ich so auch noch nicht erlebt habe. Das müssen WIRKLICH Mutanten-Mücken gewesen sein, anders kann ich mir unsere blutig aufgekratzten Beine und Arme nicht erklären.

Ich schreibe diesen Umstand einfach den Fröschen zu, dann verehre ich sie in dieser Nacht nur noch mehr.

“Gute Nacht, Quak, Quak”, singen mich die Frösche in den Schlaf.

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