Cruz de Ferro_1400m Berg.jpg
Tag 6
Mein erster (1400-er) Berg

19.Juli'15 (Orisson-Roncevalles, 18,9 km)

 

So, ich bin schon wieder fix und foxi! Kaum zu glauben, dass das mein zweiter Tag sein soll. Wie soll ich das bloß weitere 48 Tage durchstehen? Komme mir jetzt schon wie die »Oma des Jakobsweges« vor. Wo fange ich an, wo höre ich auf? So viele Erlebnisse. Die Fülle an Gefühlen, Aufs und Abs und Ereignissen scheint sich in ein paar Sätzen kaum beschreiben zu lassen.

 

Darum versuche ich mich in einer stichwortartigen Kurzfassung:

Loslaufen - Rucksack verfluchen - nach kurzer Zeit japsen und schwitzen - Anstieg verfluchen – sehr viele an mir vorbeiziehen lassen – mal wieder innerlich zusammen zählen, was ich abwerfen kann (Gepäck) – Stoßgebete nach oben abgeben, dass ich bald zusätzlich an MIR etwas abwerfen kann (Gewicht) – zweifeln, ob ich überhaupt zwei Kilometer schaffe – der ernsthafte Gedanke gewalttätig zu werden, wenn mich noch Einer fragen sollte, ob alles okay ist – kurze Unterbrechung der Zusammenfassung:

Bilde ich mir das ein, oder denken die an mir Vorbeiziehenden, dass ich kurz vor dem Zusammenbrechen bin? Fast jeder Zweite fragt mich »Are you okay?« und ich denke mir: »Ja, so okay wie man halt sein kann, wenn man das erste Mal in seinem Leben einen 1400-er besteigt.« Und hat das einzig mit dem Anblick meines Rucksacks zu tun (sehr groß und prall gefüllt)? Oder doch mit mir und meiner Statur (nicht groß und trotzdem prall gefüllt)? Oder im Zweifelsfall sogar mit beidem?

Ich weiß es nicht, aber es ärgert und nervt mich unglaublich! Ja, wenn der Rucksack so riesig ist, dann sollen sie mir doch etwas abnehmen. Und wenn es meine Statur ist, dann sollen sie das mal meine Sorge sein lassen. Ich bin fitter als manch anderer hier, in jedem Fall fitter als ich aussehe! Das soll mir mal einer nachmachen mit einem circa 12 kg schweren Rucksack auf dem Rücken und zusätzlichen, leider hier nicht en detail erwähnbaren, Kilos auf den Rippen. Ich sehe ja wie sich die, gegen 0 Gramm Fett strebenden Pilger schon abkämpfen mit ihren »Pipi-Rucksäcken«. Aber ich bin immer noch im Rennen! Und jedes Mal zu fragen, ob ich okay sei, hilft mir nicht im Geringsten. Im Gegenteil, es macht mich so wütend, dass ich ihnen mal wieder beweisen will, wie gut ich doch klarkomme: Ich versuche so wenig wie möglich zu schnaufen und kaum Pausen zu machen. Das Ergebnis: Nicht nur der Sonnenbrand meines Lebens, immer wiederkehrende Hyperventilation mit der Tendenz zum Übergeben, sondern auch ein vor Knieschmerzen jammernder Einmarsch (so gut man im Humpeln eben einmarschieren kann) in Roncesvalles.

Aber wie beim Wandern Schritt für Schritt und stichwortartig zurück zur Kurzfassung:

Phänomenale »nature-flashs« begleiten meinen Weg– Fühle mich zwischen all den saftigen grünen Hügeln, dem Moos, dem Nebel und den Wasserfällen wie Frodo in »Herr der Ringe« – versuche fieberhaft die Anfangsmelodie von »Herr der Ringe« anzustimmen (Enya) – weiche aufgrund mangelnder Erinnerung auf Titanic aus (Warum gerade Titanic? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich heute noch untergehe?) – wechsle lieber zu anderen Songs, die mir gerade einfallen – stelle dabei fest, dass fast in jedem Song passenderweise die Rede vom einem mountain ist, den es zu climben gilt – gröle schlussendlich zusammen mit zwei Japanern lauthals die Rocky-Anfangsmelodie »Eye of the Tiger« (abgefahrenste Szene ever!) - Mein absolutes Highlight: sehe zum ersten Mal in meinem Leben wilde, freilaufende Pferde mit Glocken um den Hals – immer wiederkehrende Schnappatmung, abwechselnd wegen der Anstrengung und wegen der atemberaubenden, fast schon verwunschen wirkenden Natur, die mich hier umgibt - Und letzten Endes die Feststellung, dass jeder Aufstieg nicht im geringsten so schlimm ist, wie der Abstieg!

Kurz vor Ende meiner Etappe kreisen dann noch vier große Adler über mir. Das ist für mich die pure Faszination, denn der Adler ist mein Krafttier. Ich kann den Blick nicht abwenden und deute das als gutes Omen für meine Reise. Hinterher, als sich meine überhitzte Birne und mein Körper wieder ein wenig akklimatisiert haben, frage ich mich jedoch, ob die bei meinem hochroten (auch durch den Sonnenbrand) Anblick gedacht haben: »Hmh, das ist aber ein leckeres großes Stück Fleisch. So ein dicker Brocken. Der wird gleich umfallen und aufgeben und dann machen wir vier uns über den her.«

Ich werde es leider nicht mehr erfahren, was die guten Adler an diesem Nachmittag gedacht haben. Was ich aber weiß ist, dass ich noch nie zuvor vier große Adler so dicht über mir gesehen habe – ein wirkliches Natur-Spektakel!

Über meinem Aufstieg kreist ein ähnlich spektakuläres, jedoch für mich durchaus fragwürdiges Phänomen: Das Messen! Wer ist der fitteste Pilger, wer der schnellste oder der erfahrenste? Was das mit dem religiösen Pilgern zu tun hat, will weder in meinen hochroten, noch in den wieder entspannten Kopf. Was hat das mit den Werten wie Nächstenliebe und Fürsorge, den Kranken, Schwachen, ja meinetwegen auch den Beleibteren unter uns gegenüber? Vor allem wenn es nur darum geht, der Erste in der albergue zu sein und somit den »Schwächeren« das Bett wegzuschnappen? Müsste es nicht vielleicht sogar andersherum ablaufen? Die als erstes ankommen, kriegen die Betten oben auf dem Hochbett, also die nicht so Beliebten und die zuletzt einlaufen kriegen die unteren und besseren Betten. Denn die Ersten sind ja die fitteren Pilger und die zuletzt einlaufen sind die Gebrechlicheren und dementsprechend total kaputt, wenn sie endlich da sind. Ich werde mal recherchieren, welcher Jakobsweg-Komission ich diesen Vorschlag unterbreiten kann. Ich finde die Idee jedenfalls genial!

Das wirklich absolute Highlight an diesem so ereignisreichen zweiten Wandertag, wartet beim Einlaufen in die heutige Herberge auf mich. Denn da steht er, der deutsche Pilger, den ich an meinem ersten Lauftag nach dem Weg fragen musste – die Sache mit meinen leichten bis mittelschweren Navogationsproblemen wisst ihr bestimmt noch. Aufgestützt auf seinen Wanderstock, mit geschocktem und schmerzverzerrtem Gesicht, sieht er mich ungläubig an. Gestern schien sein Blick noch zu sagen: »Ich gebe dir maximal 3 km und dann wirst du elendig krepieren, Schätzchen.« Heute stehen die Karten wohl etwas anders. Mit offener Kinnlade und immer noch völlig verdattert, berichtet er von seinem Kampf mit diesem harten Berg und fragt mich, wie ich denn das Ganze (üb)erlebt habe. »Schritt für Schritt und gegen Ende mit vielen Pausen«, antworte ich, jetzt am Ziel angekommen, glückselig. Wie das Schicksal diese Geschichte so schreibt, teilen wir uns in dieser Nacht auch noch eine Schlafkabine. Laut schnarchend und wimmernd schläft mein Zimmergefährte nach zwei Sekunden ein, während das fleißige und inzwischen Blut leckende Moppelchen unter ihm im Bett noch mit Stirnlampe diesen ereignisreichen Tag in sein Tagebuch schreibt.